Über Polyamorie

    1. Was ist Polyamorie?
    2. Meine Thesen
    3. Frau sein & Mann sein
    4. Liebe ist wie Feuer
    5. Eifersucht und Compersion
    6. Compersion
    7. Praktische Polyamorie

 

Warum ein Blog?

Ganz einfach, mich beschäftigt das Thema schon mehr oder weniger immer. Nur erst in den letzten Jahren habe ich nicht nur ein Wort dafür gefunden, sondern ein ganzes Universum an Literatur und Gruppen u.s.w.

Wer einen Einstieg in das Poly-Universum sucht, ist hier vielleicht richtig. Und: Die meisten von uns sind oder waren in einer monogamen Beziehung. Kann man auch etwas dazu lernen, wenn man sich als „Monogamer“ mit Polyamorie beschäftigt? Ja ich denke schon. Aber lest selbst.

Was ist Polyamorie?

Polyamorie heißt wörtlich übersetzt sowas wie Vielliebe oder Mehrfachliebe. Von Polyamorie oder einer polyamoren Beziehung spricht man, wenn sich mehr als 2 Personen mit dem Wissen und dem Einverständnis aller Beteiligten auf ein Arrangement ihrer Liebesbeziehungen einigen. 

Um eine „gesunde“ polyamore Beziehung zu Beschreiben, und in manchen Punkten von von einer „gesunden“ monogamen abzugrenzen gibt es einige wichtige Merkmale:

1. Ehrlichkeit bzw. Transparenz, denn Poly hat nichts mit Betrügen zu tun
2. Langfristige, verbindliche Orientierung, den Poly hat nichts mit ONS zu tun

Im Gegensatz zu dem was vielleicht einige glauben, bedeutet Polyamorie nicht, eine offene Beziehung zu führen, sondern vielmehr sich nur auf die Menschen einzulassen, mit welchen man eine Poly-Beziehung im gegenseitigem Einverständnis führen kann. Menschen in einer polyamoren Beziehung sollten eine liebevolle Gefühlsbindung haben und sich gegenseitig umeinander sorgen. Solch eine Beziehung beruht auf großem Vertrauen, deswegen ist Ehrlichkeit & Transparenz eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine gelingende und gesunde (polyamore) Beziehung.

Natürlich gibt es in diesem Bereich auch einige Vorurteile, eines der verbreitetsten ist, es ginge bei einer solchen Beziehung nur um Sex, was falsch ist, denn das wäre zum Beispiel eher Swingen. Im Gegenteil, manche polyamoren Beziehungen beinhalten gar keinen Sex.

Es gibt so viele Vorurteile, dass man da eigentlich ein eigenes Thema mit aufmachen könnte; Polyamorie sei unnatürlich, polyamore Menschen sind unglücklich in ihrer Hauptbeziehung, oder gar beziehungsunfähig, nur um einige zu nennen. – Und Ja, manche beziehungsunfähige Menschen segeln unter polyamorer Flagge, und sind schlau darin ihr „Krank sein“ darunter zu legitimieren.

Frei nach: Zimt & Zitrone – Bergamotte Tag 2

Oder ganz kurz, und viel verwendet, aber in Englisch: „Consensually non-monogamous relationship“ heißt übersetzt „Einvernehmliche nicht-monogame Beziehung“, und trifft es in weniger Worten.

Meine Thesen

Es braucht einen Erwachsenen mit einem einigermassen geheiltem inneren Ich

Ich bin der Meinung, das es eigentlich egal ist ob man monogam, zölibatär oder polyamor oder sonst was lebt, die Schwierigkeiten welche auftauchen liegen meist in der eigenen Person, dem Anteil des verletzten inneren Kindes und/oder anderer noch nicht geheilter innerer Anteile. Im Umkehrschluss können diese Lebens- und Liebesformen alle gelingen, wenn man wirklich und meist „einigermaßen“ erwachsen, an Herz und Seele geheilt, agieren kann und will und die jeweiligen Partner natürlich auch.

Leider gibt es bei den Polyamoren, wie überall anders auch, Menschen, welche ihre Beziehungsunfähigkeit hinter einer Fassade verstecken, hier also „ihre Version“ des Polyamoren erfinden. Und sich so auch vor sich selbst verstecken. Ich habe kein Problem damit, das diese Menschen einen Weg gefunden haben, Ihre Art Beziehungen zu leben, aber nicht alles was nicht monogam ist und mit mehreren Partnern zu tun hat, ist „gesund“ polyamor. Siehe Merkmale oben.

Oder, um von mir zu sprechen, es gibt Momente da schrecke ich vor zu viel Nähe und Glück zurück, und fliehe innerlich und/oder äusserlich. Wenn ich dann Energie in eine andere Beziehung stecke, ob mit Taten oder auch nur mit Gedanken, ist und bleibt es immer noch meine Flucht, und hat eben nichts mit Polyamorie zu tun.

Wenn ich aber mein Herz für mehr als einen Menschen aufmachen, mich und meine Liebe verschenken kann, und das auf Dauer und verbindlich und transparent angelegt sein will oder ist, dann ist das für mich Polyamorie.

Frau sein und Mann sein

Natürlich und zum Glück gibt es alle Formen von sexuellem Ausdruck, als auch von Geschlechtlichkeit. Wir alle leben leider im Patriarchat, deshalb wünsche ich mir, das es genauso natürlich möglich und erlaubt ist, dass Männer Männer und Frauen Frauen sein dürfen.

Sein und Leben

Man kann polyamor sein, aber zölibatär oder monogam leben, und trotzdem glücklich sein u.s.w. Sprich, innere Einstellung und äußere Lebensweise müssen nicht immer identisch sein.

Natürlich ist es leider normal das sich Gruppen gegen andere abgrenzen. Aber ich kann nicht nachvollziehen, wie sich einige Polyamore dazu aufschwingen andere Lebensformen zu verachten. Es gibt sogar ein Wort dafür: Mono-Bashing. Unglaublich 😦

Liebe ist wie Feuer

Ich glaube wirklich daran, Liebe ist wie Feuer, denn beides wird mehr, wenn man es teilt. Und wir alle können das, denn wir lieben doch unsere erstes Kind nicht weniger wenn ein zweites in unsere Familie dazu kommt. Oder?

Vertrauen & Kommunikation

Vertrauen, Kommunikation und Freiheit tragen mehr zu einer gelingenden Beziehung bei als Kontrolle und Regeln. Sprich Probleme zeitnah und offen ansprechen. Daraus erwächst im besten Fall noch mehr Liebe. Ich gebe zu, das gelingt mir nicht immer und nicht vollständig, aber ich hab erfahren das es gut tut und funktioniert.

Es braucht also auch Zeit gute Kommunikation zu üben. Marshall Rosenberg lässt grüßen. Nach meiner Meinung steht und fällt jede Beziehung mit guter Kommunikation. Dies scheint aber besonders für nicht monogame Beziehungen zu gelten. Vielleicht weil wir in der gesellschaftlich anerkannten Beziehungsform der Monogamie bereit sind „mehr“ auszuhalten? Ich weiß es nicht.

Eifersucht und Compersion

Eifersucht

Mir sind zwar einige Menschen begegnet, welche von sich behauptet haben, sie kennen keine Eifersucht. Ich hab mich aber meist gefragt, ob es daran liegt, dass sie sonst auch nicht wirklich Zugang zu ihren Gefühlen haben? Aber natürlich kann ich mich auch täuschen.

Jedenfalls gehört Eifersucht, glaube ich, mehr oder weniger zum Leben dazu. Es ist also OK, wenn man eifersüchtig ist. Ich habe nie verstanden warum einige Polyamore so tun als ob man als Polyamorer nicht eifersüchtig sein kann / darf.

In meiner Welt lautet die Frage nicht, wann es einen erwischt, sondern und vor allem wie man damit umgeht. Mir hilft bei meinem Umgang mit Eifersucht folgendes meist sehr gut weiter:

  1. Zunächst versuche ich zuzuordnen, welche und zu welchem Anteil meine aktuelle Eifersucht im Moment eines oder mehrere der folgenden „vier Gesichter“ zeigt. Das allein holt dieses Mischgefühl auf eine handhabbare Ebene.
  • Neid und Lust
    • Neid ist Lust auf etwas was ich momentan (noch) nicht habe
    • [Bei mir meist >80%: “Mir geht es dann gut, wenn ich mich darum kümmere z.B. auch ein Abend-Essen mit meiner Geliebten zu organisieren, wenn sie eines mit meinem Meta-Amour hatte.” Mir ist auch bewusst wie kindisch das ist, trotzdem hilft es mir sehr dabei nicht eifersüchtig zu werden. Ich nenne es „Lego-Steine“, weil ich es auch als Kind „gerechter“ fand wenn alle die gleiche Anzahl und Art an Lego-Steinen hatten 🙂 ]
  • Loyalitäts- und Vertrauensbruch / Misstrauen
    • Meist aufgrund mangelnder Kommunikation über Regeln & Grenzen
    • [Bei mir etwa 15%: Ich hätte es lieber, wenn z.B. mein Meta-Amour zulässt, das es auch treffen bei uns oder bei ihm oder zu dritt gibt. Er will es vor der Welt aktiv verheimlichen. Nicht gut, finde ich.]
  • Verlustangst
    • Angst vor Veränderung
    • Angst, Ersetzbar zu sein
    • [Bei mir < 5%: „Angst vor dem Ungewissen“]
  • Ekel und Ideologie
    • z.B. gegen ungehemmte, ausgelebte Geilheit…
    • [Bei mir zu etwa 0%, also nicht.]
  1. Dann versuche ich diese Anteile genauer zu erforschen und Wege zu finden, damit umgehen. Unter anderem dadurch, das ich fürsoglich mit mir selbst bin. Aber glaubt ja nicht, das mir das immer gelingt. Hierbei sind mit folgende zwei Artikel sehr hilfreich:

Ein weiterer, guter und zweigeteilter englische Artikel dazu, „Practical Jealousy Management“:

Es gibt aber auch hier mindestens ein Fallstrick. Denn nicht jedes negatives Gefühl das du hast ist Eifersucht. Manchmal liegen wir mit unseren Gefühlen ja richtig. Wenn wir uns erlauben wirklich ehrlich mit uns zu sein, wissen wir aber um diesen Unterschied.

Compersion

Compersion, oder deutsch „Mit-Freude“, ist ein bisschen der heilige Graal der Polys. Es ist z.B. das positive Gefühl der Freude, wenn dein Partner nach einen guten Abend mit deinem Metamour strahlend und glücklich zurück kommt, und du dich mit ihm und für ihn Mit-Freuen kannst.

Das durfte ich manchmal schon erleben, kann ein echtes High sein, ist aber bisher sicher kein Gefühl das ich in meinem Standard Repertoire habe.

Praktische Polyamorie

Deborah Anapol beschreibt in ihrem Buch Polyamory sechs wesentliche Komponenten für das Gelingen einer Poly-Partnerschaft:

1. Konsens Entscheidungen
2. Aufrichtigkeit
3. Gegenseitige Unterstützung / Sorge
4. Vereinbarungen
5. Integrität
6. Respekt für die jeweiligen individuellen Grenzen

Daneben formuliert Anapol acht Schritte für die persönliche Entwicklung, die für erfolgreiche Poly-Partnerschaften hilfreich sein sollen:

1. Erkenne dich selbst
2. Heile dich selbst
3. Ersetze Schuld und Scham durch Selbstakzeptanz und Liebe
4. Beherrsche die Kunst der Kommunikation
5. Öffne dich deiner sexuellen Energie
6. Lass Eifersucht deine Lehrerin sein
7. Wähle einen spirituellen Weg
8. Schau auf das große Bild [Poly als Teil des gesellschaftlichen Wandels]

Frei übersetzt und zusammengefasst in: Freie Liebe, offene Ehe und Polyamory: Eine Diplomarbeit aus dem Jahre 2005 von Christian Rüther aus: Polyamory: The New Love Without Limits: Secrets of Sustainable Intimate Relationships von Deborah M. Anapol, Seiten 13-19, 31-48

Lesen

Kein Mensch bringt uns bei, wie man eine gelingende monogame Beziehung führt, und schon gar nicht, wie man das in einer polygamen Beziehung hinbekommen kann. Aber aus den Fehlern Anderer kann man ja bekanntlich lernen. Die nach meiner Meinung besten Artikel, welche einem helfen einen guten Einstieg zu finden, sind

Beide in Englisch, habe leider bisher nichts adäquates in Deutsch gefunden.

Treffen

Und natürlich gibt es nichts besseres als sich mit Gleichgesinnten zu treffen. Viele, aber nicht alle Polytreffen im deutschsprachigen Raum sind hier gelistet.

Diese Gruppen sind meist sehr sehr unterschiedlich. Manche Gruppen treffen sich in einer Kneipe, Andere diskutieren in einem geeigneten Gruppenraum. Es gibt Gruppen welche sich Cis-Queer, links feministisch definieren. Alle treffen sich etwa einmal im Monat, und versuchen/schaffen es einen sicheren, vertrauensvollen Rahmen zu kreieren. Nur so ist es möglich und sinnvoll die Themen Liebe, Sex und Beziehung gemeinsam zu besprechen und Erfahrungen auszutauschen. Das Spektrum ist also gross. Wie gut.

Darüber hinaus gibt es auch Poly-Wochenend-Veranstaltungen. Wie zum Beispiel dieses Treffen für Polys mit mindestens 1 Jahr gelebter Poly-Erfahrung.

Verstehen

Periodic Table Polycules
Periodic Table Polycules by https://www.facebook.com/april.arcus

Wie in jedem anderen Bereich gibt es natürlich auch bei den Polys eine Reihe neuer, unbekannter Wörter. Hilfe bieten die Glossare in

Wiederholen

Ich glaube wenn man diese vier, auch oben genannten Artikel verdaut und integriert hat, ist man erstmal ganz gut gerüstet sich eine eigene Meinung zu bilden und gegebenenfalls die ersten eigene Schrite zu tun. Oder?

Umsetzen

So, jetzt wird es spannend. Denn bis hier blieb alles auf der Ebene der Worte. Aber wie gesagt, jetzt ist es gegebenenfalls an dir „deinen“ Weg zu finden, und dann auch behutsam zu gehen. Und da ich der Meinung bin, daß das Wissen der Polys eigentlich auch jeder monogamen Beziehung gut tut, schließt sich der Kreis.

Love long and prosper.

By Spock 😉

P.S.

Ich werde diesen Überblick-Artikel bei Bedarf ergänzen, und auch weitere Artikel schreiben. Will selbst herausfinden wie und was sich ergibt.

Und bitte gerne in den Kommentaren Hinweise auf weitere, gute Artikel und Bücher u.s.w. geben. Vielleicht auch solche welche die verlinkten englischen Artikel gut ersetzen können. Danke.

Und wer bin ich / sind wir?

Natürlich vieles, hier relevant ist vielleicht, das ich seit über 25 Jahren mit meiner Frau/Geliebten zusammen bin und wir, während unsere Kinder noch kleiner waren, eine monogame romantische Zweierbeziehung (RZB) gelebt haben.

Die Kinder wurden größer, die Freiheiten auch, wir haben unsere Beziehung in Richtung Poly geöffnet. Wir wohnen in der Nähe von Stuttgart und haben & hatten gute und schlechte Zeiten. Ein paar Jahre lang hatten wir beide jeweils eine wunderbare Aussenbeziehung.

Ich arbeite seit Jahren unter der Woche südlich von Frankfurt, und es gab Zeiten da habe ich mir eine Poly-Beziehung genau dort gewünscht. Es hat sich nie ergeben. Mal sehen was das Leben noch so bringt 🙂 .

Mehr dazu nur für Leute welche ich persönlich kenne. 🙂


Weitere Links u.s.w.

So, das wärs eigentlich, aber wer immer noch mehr lesen will, hier gibt es mehr Futter, allerdings nur Links u.s.w. welche ich selbst mit Genuss gelesen habe.

[…]

Ein Kommentar zu „Über Polyamorie

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